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Starbucksgespräche

Mit dem Bücherschreiben ist es so eine Sache. Ich beginne sehr gerne mit Büchern. Die erste Seite geht meist locker von der Hand. Man bekommt ein Hochgefühl. Das wird es!

Doch irgendwie gehen mir dann immer die Ideen aus.

„Keine Kurzgeschichte, Jan, ein Buch! EIN BUCH!“ sage ich mir dann und versuche angestrengt, weiterzutippen.

Meistens endet das Dokument dann jedoch in einem Ordner, dessen Name, „Buchanfänge“, bezeichnend ist. Ich traue mich kaum, noch rein zu schauen, denn da liegen sicher mehr als zwanzig Dateien drin.

Darüber wolte ich aber eigentlich nicht schreiben, es taugt jedoch gut als Überleitung.

Denn, um in eine gewisse kreative Stimmung zu kommen, dachte ich, setze ich mich doch mal mit dem MacBook zu Starbucks. Trinke einen Caramel Machiato und mache es jenen genialen Schriftstellern nach, die im Starbucks sitzend ihre Jahrhunderklassiker geschrieben haben.

Interessanter als der blinkende Cursor fand ich jedoch die Nebentische, oder besser gesagt, die Nebenlounges, weil es ja bei Starbucks nur diese Sessel gibt, in die man ziemlich arg einsinkt.

Links von mir waren gerade drei Vertreter einer kanadischen Freikirche dabei, ihr neues Logo zu besprechen.

Rechts wurde ein Wohngemeinschaft-Bewerbungsgespräch durchgeführt.

Ah, spannend. Spannender als die Kanadier.

Dass man, um an ein freies WG-Zimmer zu kommen, inzwischen von Assessment Center bis Tauglichkeitstest alles machen muss, um sich als idealer Bewerber herauszukristallieren, ist ja bekannt. Vom Hörensagen, weil mir ja leider das Vergnügen, in einer WG zu wohnen, bisher erspart blieb.

Für alle, die sich für die Lebensräume der Generation Y interessieren, hier nun eine subjektive Wiedergabe des Gesprächs, das da so stattfindet, bevor man jemand Neues in seine bilderbuch-Wohngemeinschaft aufnimmt:

„So, Du arbeitest unbefristet, richtig?“

„Genau, unbefristet, also man weiß ja bei StartUps nie, wie es sich entwickelt, aber dieses Mal hab ich ein super Gefühl! Wir machen wiederverwertbare Teebeutel, die man über eine App bestellen kann.“

Zustimmendes Gemurmel.

„Der Tee in den Beuteln ist aber aus fairem Anbau?“

„Nein, das ist ja das tolle, man bekommt ein Päckchen mit Samen dazu, um ihn selbst in der Küche anzubauen!“

„Genial!“

„Und, Du kommst aus München, gell?“

„Richtig, sozusagen ursprünglich. Also, nicht München, sondern Neuperlach.“

„Ah, Neuperlach, da war ich mal auf ner Party. Helge, erinnerst Du Dich? Du warst da auch dabei! Die hat dieses Mädel gegeben, wie hieß die nochmal?“

„Ah, stimmt, Lara-Joy, die Konzeptkünstlerin. Richtig, Du, da haben wir uns verlaufen, in Neuperlach. War irgendwie dann nachts voll spukie. Irgendwie jetzt nicht unbedingt das beste Viertel, oder?“

„Nein, da habt ihr Recht! Aber generell ist das Leben bei sozialen Randgruppen schon voll hipp und man kriegt auch vor Augen geführt, wie es Andere so haben. Das sensibilisiert einen! Unser Häuschen ist in ner besseren Straße. Bevor mein Vater Oberstudienrat wurde musste man halt beim Baugrundstück doch ein bisschen sparen.“

Zustimmendes Gemurmel. „Deswegen auch der Tee. Ich möchte etwas zurückgeben!“

Damit war der Kandidat eigentlich genommen.

„Ja, Du das sieht doch gut aus, oder Helge?“

„Klar, weil, also, wir sind schon bisschen vorsichtig. Und sonst haben sich nur Mädels beworben auf das Zimmer, aber mit Mädels hats bisher nie funktioniert.“

„Nee, die sind viel zu kompliziert. Du, die letzte, Grundschullehrerin im Referandariat, wollte dann für den Putzplan so ne App nehmen. Wo wir doch die Excel Tabelle haben. Die reicht ja. Und sowieso, die hat auch nie eingekauft.“

„Ach übrigens, also wir halten vom Einkauf und Putzplan her alles grundsatzdemokratisch.“

„Du wählst ja auch eher rot oder grün, richtig?“

„Ja, ich engagiere mich nebenbei sogar für die Demokratie in Bewegung, wir denken den Prozess politischer Willensbildung ganz neu. Das Motto ist, kein Parteiprogramm ist das beste Parteiprogramm.“

„Hui, das musst Du uns dann unbedingt näher erklären!“

„Also, Du kriegst das Zimmer!“

Dann haben alle erstmal mit ihrem Crunched Ice Tea angestoßen.

„Die Wohnung hat auch echt alles. Wasserkocher, Toaster, gell, top Küche halt, Kaffeemaschine auch. Helge, wie heißt die?“ „Dolce Gusto“ „Genau, aber das ist sogar die mit Milchschäumer! Und Helge hat auch ein Bügelbrett falls Du mal smart casual gehen musst!“

„Haha, ja das Bügelbrett, ich kann nämlich bügeln. Mit 18 hat meine Mama zu mir gesagt, also Junge, jetzt wird’s mal Zeit dass Du selber bügelst.“

„Und mit dem Putzen, das sollte man noch kurz besprechen.“

„Genau, wichtig ist, dass Du schon auch mal putzt. Also, wenn Du nachts stockbesoffen gegen die Badezimmerwand pinkelst, dann nicht warten, bis es am nächsten Tag jemand anderes weg macht. Aber das ist ja klar, oder?“

„Ja sicher! Kennt ihr eigentlich diesen neuen, veganen Fußbodenreiniger?“

Fragende Blicke. „Der ist genial, vom grünen Frosch oder so!“

„Helge, perfekt, siehst Du der Junge kennt sich sogar mit Fußbodenreinigern aus!“

Sie haben dann noch leergetrunken und sind glücklich gegangen. Ich auch, weil ich ja statt des Romans zumindest diese Kolumne geschrieben habe. Dann war ich in meiner Wohnung und freute mich, dass ich keine Exceltabellen zum Einkaufen brauche.